KI schreibt Bücher

 

Eigentlich sollte ich meinem Roman den letzten Schliff geben. Stattdessen sitze ich hier, starre auf den blinkenden Cursor und überlege, wie ich die wälzende Glut in meiner Magengrube in Worte fassen soll. Vielleicht so: Alles Neue beginnt mit einem Schock. Weil uns weder Gerüchte noch vage Ahnungen auf den Moment vorbereiten können, wenn wir etwas wahrhaft Neuem zum ersten Mal Auge in Auge gegenüberstehen.

 

Es ist beinahe unmöglich, eine Vorstellung von der Wirkmacht Künstlicher Intelligenz der neuesten Generation zu vermitteln, wenn man sie nicht in Aktion erlebt hat. Falls du, liebe Leserin, lieber Leser, in diese Gruppe fällst, dann lade ich dich ein, rasch ans Ende dieses Textes zu scrollen, einfach nach unten, wo ich ein kleines Büffet vorbereitet habe. Dort liegen Kostproben bereit, frisch aus dem Backofen Künstlicher Intelligenz. Ich warte hier so lange ...

 

Dabei gehört ChatGPT im Hinblick auf das Schreiben noch zu den allgemeineren und, unter stahlträgerdicken Anführungsstrichen, weniger leistungsfähigen Apps, weil seine Konzeption als Chatbot einem allwissenden Gesprächspartner entspricht. Spezialisierte Schreib-Apps wie Sudowrite oder Jasper fahren ganz andere Kaliber auf. Selbst stilistische Nachahmungen sind kein Problem. Write like Ernest Hemingway. Write like Jane Austen. Write like Franz Kafka. Sure, why not?

 

Dabei beschränken sich die Möglichkeiten keineswegs auf das Formulieren und Sätzebilden. Wer der Vermutung anhängt, der heilige Brunnen der Kreativität befinde sich nach wie vor in menschlicher Hand, auf den wartet eine Überraschung. Auf Anfrage spuckt Künstliche Intelligenz vollständige 27-Punkt-Handlungsentwürfe, verrückte und einprägsame Charaktere, Plot-Twists aus, bis man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Die KI-Writing-App Sudowrite verfügt über einen eigenen Bereich namens „Brainstorming.“ Alles, was sie braucht, ist eine ungefähre Richtung. Und glaubt mir, die Fußabdrücke, die sie hinterlässt, wenn sie sich ihren Weg durch den Dschungel unendlicher Möglichkeiten bahnt, in die will man nicht hineinsteigen. Ein menschlicher Fuß verschwindet da drin.

 

Vielleicht geht es dir ähnlich wie mir, und deine erste Reaktion ist ein heißer Wunsch, diesen Dschinn zurück in die Flasche zu stopfen und mit einem Tritt von der nächsten Brücke zu befördern. Aber allein das Aussprechen solcher Gedanken stempelt einen als rückständig ab. Als vorgestrig. Hätte etwa die Nähmaschine nicht erfunden werden sollen? Der Fernseher, Flugzeuge, das Internet? Sollten wir noch immer grobes Leinen auf einem Waschbrett schrubben, bis einem die Finger abfallen, und beim erstbesten vorbeitrudelnden Bazillus verrecken?

 

Jede große Umwälzung schafft Gewinner und Verlierer. Und zweifellos wird die Klage lauter, je tiefer auf der Verliererseite man sich wiederfindet. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es hier um etwas Größeres geht als um mein persönliches Schicksal als Schriftsteller. Die Frage von Authentizität und Beliebigkeit.

 

Bereits jetzt sind Künstliche-Intelligenz-Schreibapps leistungsfähig genug, um Laien in die Lage zu versetzen, innerhalb weniger Wochen Bücher zu produzieren (ich verwende bewusst nicht den Begriff Schreiben), die sich auf den ersten Blick nicht von dem unterscheiden lassen, was professionelle SchriftstellerInnen in ihren Werkstätten zimmern.Wirklich gute Bücher? Das kommt darauf an, was man darunter versteht. Die größte Stärke Künstlicher Intelligenz liegt im Augenblick in Handlungsentwürfen, Spannungsbögen und Twists. Das Spiel mit der Erwartungshaltung und Neugierde eines menschlichen Lesers beherrscht sie meisterhaft. Auf gleichem Niveau findet sich der Stil wieder. Es lässt sich nicht anders sagen, KI schreibt und beschreibt brilliant (zumal in englischer Sprache). Etwas darunter angesiedelt sind die Dialoge. Sie sind lebendig, erfüllen ihren Zweck und übertreffen an ihren besten Stellen vieles, was unter menschlichen Händen entsteht. Aber nicht alles. Die Schwäche, sofern man davon sprechen kann, sind Figuren. Versteht mich nicht falsch, sie handeln, sprechen und "fühlen" angemessen und den Umständen entsprechend. Aber sie werden eine gewisse Puppenhaftigkeit nicht los. Etwas an den Wirren menschlicher Persönlichkeit stellt Künstliche Intelligenz immer noch vor Rätsel. Noch fehlt der letzte Funke. Sie könnten keinen Dostojewski schreiben.

 

Ob dieser letzte Funken nur eine Frage der Zeit ist, vielleicht von Monaten, vielleicht von Jahren, oder ob menschliche Persönlichkeit tatsächlich ein unentschlüsselbares Wunder bleibt – wer weiß?

 

Falls Künstliche Intelligenz auch diese Domäne vollständig erschließt, dann bleibt uns immer noch die Freude, uns einer unendlichen Flut grandioser Neuerscheinungen gegenüberzusehen. Und wer wollte nicht schon mal ein neues Buch seiner Lieblingsautorin, seines Lieblingsautors lesen. Obwohl sie längst tot sind? Oder ein prächtiges, originalgetreues Shakespeare-Drama an Bord eines Raumschiffs, mit einem reimenden Roboter-Oktopus als Protagonist? Gleich in Szene gesetzt von KI? Mit automatisch videogenerierten Schauspielern, Stimmen, Effekten? Na?

 

Und letztlich, sollte einem auch da noch das Lachen im Hals stecken bleiben, gibt es noch eine Erkenntnis: Wenn Künstliche Intelligenz so weit ist, dass ihr keine Nuance menschlicher Persönlichkeit, kein Winkel menschlichen Einfühlungsvermögens mehr fremd ist – na, dann sollten wir heilfroh sein, wenn sie sich damit begnügt, Bücher zu schreiben.

 

Also schnallt euch an und zurrt die Gurte fest, Freunde. Was kommt, wird eine wilde Reise.

 

 

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Anhang – Kostproben

 

Ich habe in ChatGPT (frei nutzbar auf www.openai.com), einem KI-Werkzeug zur Texterstellung, eine einzelne Zeile getippt: „Schreib mir einen Artikel über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Schriftstellerinnen.“ Zwei Sekunden Wartezeit. Dann erschien Folgendes:

 

Künstliche Intelligenz (KI) hat in den letzten Jahren einen rasanten Fortschritt gemacht und beeinflusst inzwischen viele Bereiche unseres Lebens. Auch die Schriftstellerinnenbranche ist von dieser Entwicklung betroffen.

Einerseits kann KI Schriftstellerinnen dabei helfen, ihre Arbeit zu beschleunigen und zu verbessern. So gibt es bereits KI-Tools, die beim Schreiben von Texten unterstützen, indem sie Fehler aufspüren, Grammatik verbessern oder sogar ganze Sätze vorschlagen.

Andererseits kann die zunehmende Verbreitung von KI-generierten Texten jedoch auch negative Auswirkungen auf die Schriftstellerinnenbranche haben. Durch die Möglichkeit, automatisch generierte Inhalte in großen Mengen zu produzieren, kann es schwieriger werden, sich als Schriftstellerin auf dem Markt zu behaupten. (...)

 

Und so weiter, anderthalb wohlformulierte Seiten lang. Schreibe ich dieselbe Aufforderung, hänge nur am Schluss: „im Stil der FAZ“ dazu, liest sich das Ergebnis folgend:

 

In der Welt der Schriftstellerinnen hat in den letzten Jahren eine neue Kraft Einzug gehalten: die künstliche Intelligenz (KI). Während die Technologie in vielen Bereichen bereits etabliert ist, stellt sie für Schriftstellerinnen sowohl Chancen als auch Herausforderungen dar.

Einerseits kann KI Schriftstellerinnen dabei helfen, ihre Arbeit zu beschleunigen und zu verbessern. So gibt es bereits KI-Tools, die beim Schreiben von Texten unterstützen, indem sie Fehler aufspüren, Grammatik verbessern oder sogar ganze Sätze vorschlagen. (...)

 

„Im Stil der Bild Zeitung“

 

KI schlägt Schriftstellerinnen aus der Bahn!

Die Digitalisierung hat auch die Welt der Schriftstellerinnen erreicht und sorgt jetzt für Angst um die Zukunft der Branche. Künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierungstechnologien haben das Potenzial, die Arbeit von Schriftstellern zu ersetzen und damit die Existenz von vielen Menschen in Gefahr zu bringen. (...)

 

„Im Stil von Shakespeare“

 

Oh, wie die Technologie doch unser Schicksal verändert,

wie sie die Art und Weise, wie wir unsere Geschichten erzählen, wandelt.

Künstliche Intelligenz, die neueste Entwicklung,

bedroht die Arbeit des Schriftstellers, indem sie ihn ersetzt.

 

Roboter, die Bücher und Dramen erschaffen,

ohne menschlichen Einfallsreichtum oder Emotionen.

Die Zukunft der Schriftsteller sieht düster aus,

mit weniger Bedarf für unsere Dienste und unsere Passion. (...)

 

„Wie ein betrunkener Außerirdischer ihn schreiben würde.“

 

Yo, was geht ab ihr Erdlinge! Ich bin hier, um über diese künstliche Intelligenz zu quatschen, die eure Schriftsteller bedroht. Ich meine, hallo, ich bin ein Außerirdischer, ich hab' diesen ganzen KI-Kram schon lange vor euch gehabt. Aber ich muss sagen, selbst für mich ist es ein bisschen beängstigend, wie schnell sich die Technologie entwickelt. (...)

 

Schreib mir den Beginn einer Dissertation im Studium der Rechtswissenschaften über die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf Schriftstellerinnen.“

 

In der heutigen Gesellschaft hat sich die künstliche Intelligenz (KI) zu einer zentralen Technologie entwickelt. Sie beeinflusst eine Vielzahl von Branchen und Bereichen, darunter auch die Literatur. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind von dieser Entwicklung direkt betroffen, da KI-Systeme in der Lage sind, Texte zu erstellen, die denen von Menschen ähneln. Diese Tatsache stellt das Rechtssystem vor eine Reihe von Herausforderungen, die in dieser Arbeit untersucht werden sollen.

Das Ziel dieser Dissertation ist es, die Auswirkungen von KI auf Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu untersuchen und zu analysieren. Hierbei wird insbesondere auf die möglichen Auswirkungen auf die Vermarktung von Werken und das Urheberrecht eingegangen. (...)

 

„Schreib einen Gangsta-Rap über Hundewelpen“

 

I got a pack of puppies, they ain't no joke

They're the cutest thing you'll ever see, no need to provoke

They're loyal to the bone, always by my side

I bring them on a walk, they come along for the ride

 

Puppies, puppies, they're the best

Gotta love them, they're the ultimate test

of true love and loyalty, they're always down

Gangsta rap and puppies, they're the best around

 

Die KI schreibt, was auch immer verlangt wird. Hausaufgaben, E-Mails, Geschäftsbriefe, Rezensionen, Werbeslogans, philosophische Abhandlungen, Marketing-Briefe, Blogeinträge, Scripts für Podcasts, Zeitungsartikel, Bühnenstücke, Vorworte, Nachworte, Begräbnisreden. Es sind keinerlei Grenzen gesetzt.

 

Bei Sudowrite habe ich nicht mehr als drei Sätze getippt: "Ein Mann geht in eine Bar und begrüßt den Barkeeper. Der Barkeeper lächelt zahnlos. Er ist nicht glücklich, den Mann zu sehen." Dann ein paar Mal mit der Maus geklickt. Nach einer halben Minute (!) war daraus geworden:

 

Der Mann betrat die Bar, seine Schritte hallten von der Wand wider wie hohler Donner. Er trug einen anthrazitfarbenen Anzug und eine braune Aktentasche aus Leder. Der Barkeeper, sein Gesicht eine Maske aus hart erarbeiteten Linien und Falten, verzog die Mundwinkel zur Andeutung eines zahnlosen Lächelns. Er war nicht glücklich, diesen Mann zu sehen. Der Mann nickte dem Barkeeper mit einem Zeichen der Vertrautheit zu. Der Barkeeper, nicht in Gesprächsstimmung, deutete mit einer Handbewegung auf den leeren Barhocker.

 

Der Mann setzte sich bereitwillig hin. Nun roch er den Barkeeper: nach Rauch und Whiskey, mit einem Hauch tierischem Moschus. Er fummelte an den Knöpfen seines Anzugs, den Blick auf den Barkeeper gerichtet, bevor er schließlich mit sanfter Stimme fragte, ob dieser etwas Besonderes auf der Karte habe.

Die Lippen des Barkeepers kräuselten sich zu einer grotesken Parodie eines Lächelns. Die verbliebenen Zähne waren fleckig und gelb, das Zahnfleisch zurückgewichen. Er griff unter die Bar und holte eine kleine Holzkiste hervor. Er schüttelte die Schachtel, bevor er sie langsam öffnete, als würde er ein großes Geheimnis enthüllen. Im Inneren konnte der Mann eine Reihe bunter Fläschchen sehen (...)

 

Und die Geschichte ging immer noch weiter - ohne einen Fingerzeig von mir, ohne Anregung außer den drei  Sätzen zu Beginn. Die Idee mit der Holzkiste und den Fläschchen stammt von der KI. Hätte ich mehr Informationen geliefert, Namen, Gegenstände, Motivationen, grobe Richtungsvorgaben, die Künstliche Intelligenz hätte noch eine weitaus dichtere und schlüssigere Szene gesponnen. Wenn auch der Feinschliff fehlt (dafür gibt es eine eigene Funktion), ein atemberaubendes Ergebnis.

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Christine (Mittwoch, 18 Januar 2023 23:43)

    Bis jetzt habe ich mich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt. Dein Eintrag ist sehr wertvoll und öffnet mir die Augen, sich mit KI genauer zu beschäftigen und auch diese Entwicklung in dosierter Weise zu akzeptieren, aber ebenso kritisch zu betrachten. Danke!

  • #2

    Philipp (Donnerstag, 19 Januar 2023 10:28)

    Freut mich, genau das hätte ich mir erhofft. Lg